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Lesung von Marc Elsberg

Lesung_Marc_Elsberg_Gier

Ich habe dieses Jahr mein erstes Buch überhaupt von Marc Elsberg gelesen. Und dann war ich am Mittwochabend auch noch auf meiner ersten Lesung von ihm. Und obwohl mich das Buch „Gier“ Anfang des Jahres nicht wirklich überzeugen konnte, konnte der Autor es in der Lesung umso mehr. Zu sehr war mir der Thriller-Inhalt in die Geschichte hinein gewurschtelt, die Wirtschaftstheorien viel interessanter und dadurch am Untergehen.

Die Lesung war vollkommen anders als die bisherigen, auf denen ich war. Sebastian Fitzek, Arno Strobel und Chris Carter haben viel mehr von ihrem privaten Alltag preisgegeben als Marc Elsberg. Privates hat er nämlich kaum erzählt, hauptsächlich ging es um sein Buch. Zu Beginn wusste ich nicht so recht, wie ich das finde. Doch dann hat es mir immer besser gefallen. Er hat eben nicht sich, sondern sein Buch in den Mittelpunkt gestellt. Eine nette Abwechslung.

Verhältnismäßig viele Textpassagen hat er vorgelesen, auch einige Schlüsselszenen. Das hätte mich gestört, wenn ich das Buch nicht schon gelesen hätte. So war es für mich okay, wie eine Auffrischung der Inhalte gepaart mit zusätzlichen Anekdoten zum Buch.

Beispielsweise der Entwicklungsprozess des Buches. Er ist eher zufällig auf einen wissenschaftlichen Artikel von Ole Peters‘ Gruppe am London Mathematical Laboratory aus dem Jahr 2015 gestoßen, in dem die Prinzipien der Kooperation erklärt sind und wie Mathe nicht gut angewendet wird in der heutigen Wirtschaftswelt. Elsberg überlegt direkt, ob es möglich ist aus dem Stoff ein Buch zu schreiben. Schließlich bedient sich der Autor für jedes seiner Bücher aus der Wissenschaft. Warum dieses Mal also nicht aus der Wirtschaft? Überlegt, getan. Er schreibt die Forscher aus London an und stellt einige Fragen zu dem Artikel, den er aufgrund der vielen mathematischen Formeln einfach nicht versteht. Immerhin hat er Mathe nach dem Abitur nicht mehr gebraucht, auch nicht wirklich während seines angefangenen Industriedesign-Studiums und erst recht nicht während seiner vielen Jahre in der Werbebranche. Nach mehreren Monaten regen E-Mails-Austauschs, immer alles in Englisch, teilt ihm Peters mit, dass das hier alles keinen Sinn mehr macht. Elsberg soll doch bitte nach England fliegen und dann sprechen sie direkt über die Theorien. Also macht sich Elsberg auf den Weg. An dieser Stelle seiner Lesung betont Elsberg, dass die Möglichkeiten der digitalen Welt, in der wie leben, mit Skype und Mails etc. zwar großartig sind und viele Vorteile bieten, ein persönliches Gespräch aber eben doch einfach noch nötig ist und oft besser funktioniert und hilft. Als sich die beiden dann jedenfalls erstmals sehen, sagt Peters zu Elsberg, nach den vielen Mails in Englisch doch tatsächlich, dass sie auch einfach auf Deutsch wechseln können. Schon ein bisschen witzig, zumindest hat das bei der Lesung für einige Lacher gesorgt. Nach zwei intensiven Gesprächstagen fliegt Elsberg zurück und das Buch ist beschlossene Sache.

Er beginnt mit dem Schreiben und Zeichnen kleiner Skizzen zur Veranschaulichung der Theorien. Übrigens braucht er in der Regel 2,5 Jahre, um ein Buchprojekt abzuschließen. Verglichen mit vielen anderen Autoren ist das ein recht langer Schaffungsprozess, aufgrund seiner umfangreichen Recherchen aber vermutlich einfach anders gar nicht machbar.

In der Lesung versuchte er die Zuhörer auf die im Buch beschriebenen Theorien neugierig zu machen. Er bot dem Publikum eine Wette an und fragte danach, wer diese Wette annehmen würde. Ausgangsbasis sind 100 Euro. Die stehen einem zur Verfügung. Ein Münzspiel. 100 Würfe. Für jedes Mal, wenn Kopf geworfen wird, erhält der Spieler 50 % oben drauf. Für jeden Zahl-Wurf werden 40 % abgezogen. Einige sind diese Wette eingegangen, einige nicht. Natürlich kalkulierte Elsberg ein, dass sich viele einfach aus Prinzip nicht melden. Die Gründe dafür sind schließlich vielfältig: Entweder, es ist ihnen zu doof oder sie wetten einfach grundsätzlich nicht. Jedenfalls machen natürlich alle einen Fehler, wenn sie die Wette annehmen. Über die Zeit würden die eingesetzten 100 Euro schmelzen. Vielleicht gibt es auch mal eine Person, bei der es klappt. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist verschwindend gering. Anders sieht das schon aus, wenn 100 Personen jeweils einmal bei 100 Euro Einsatz und den gleichen Bedingungen werfen würden. Wenn alle 100 Personen nach dem einmaligen Wurf ihren Einsatz (bzw. den Gewinn oder Verlustrest) in einen Topf werfen würden, wäre da am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Gewinn für alle vorhanden. Mit diesem kleinen Beispiel möchte er veranschaulichen, dass entgegen der gängigen Meinung in der heutigen Welt, die von Konkurrenzdenken und Wettbewerb geprägt ist, Kooperation uns allen zu mehr Wohlstand und Ertrag führen kann. In seinem Buch greift er dazu auf eine Bauernformel zurück. Diese ist mit Skizzen und allem drum und dran erklärt, entwickelt sich Stück für Stück, bis hin zur endgültigen Erkenntnis am Ende des Romans. Eine großartige Theorie, großartig veranschaulicht und leicht erklärt.

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Zentrales Thema der Lesung war sein aktuelles Buch „Gier“. Dennoch kam er immer wieder zwischendurch auf sein erstes Werk „Blackout“ zu sprechen. Vermutlich hängen an seinem ersten Buch die meisten Erinnerungen, sein großer Durchbruch. Das Buch, worauf er eventuell einfach am meisten stolz ist. Verständlicherweise. Beispielsweise hat er erzählt, dass er damals während seiner Recherchen erstaunt war, was ihm alles bereitwillig erklärt wurde. Auch wenn er natürlich niemanden erzählen würde, welche drei Punkte man in Österreich angreifen müsste, um einen tatsächlichen Blackout auszulösen, war er trotzdem erstaunt, dass ihm solche Informationen einfach so gegeben wurden. Daraus gelernt hat er, dass man Menschen einfach fragen muss, wenn man sich für etwas interessiert. Die meisten Menschen freuen sich über ehrliches Interesse und erzählen dann bereitwillig viele Geschichten. Interessant fand ich auch, wie stolz Elsberg von einem älteren Herren berichtet hat, der ihn nach einer seiner Lesungen zu dem Buch angesprochen hat. Er war sein gesamtes Berufsleben Ingenieur für Elektronik. Jedenfalls hat seine Frau über 30 Jahre lang nicht verstanden, was er eigentlich den ganzen Tag so treibt. Bis das Buch von Elsberg das geändert hat. Endlich wusste diese Frau, was ihr Mann arbeitet. Was für eine schöne Geschichte.

Nach knapp 1,5 Stunden näherte sich die Lesung langsam dem Ende entgegen. Zeit für ein paar Fragen. Zum Abschluss möchte ich aber nur auf eine eingehen. Ein Zuhörer fragte nach potentiellen Verfilmungen seiner Werke und ob da bereits etwas in Planung sei. Elsberg fängt an zu lachen und meint, die Filmindustrie sei sehr eigen. Verfilmungen seiner Bücher sind schon alle geplant aber das ist so eine Sache. Immer sichert sich einer die Rechte und verspricht eine große Serie daraus zu entwickeln. Ein halbes Jahr später sieht das schon anders aus, die Serie wird zu einer 5-teiligen Kurzserie. Wieder ein halbes Jahr später ist nur noch von einem Zweiteiler die Rede. Und noch ein halbes Jahr später springt höchstens noch ein Film dabei heraus, bis das Projekt dann erstmal endgültig auf Eis gelegt ist und der Prozess wieder von vorne beginnt. Momentan befindet er sich wohl wieder im Status Serie bei einem größeren Streaming-Dienst. Genaueres dazu sagen konnte und wollte er aber nicht, zu viel hin und her gab es bei bisherigen Versuchen einfach schon.

Alles in allem hat mir die Lesung dabei geholfen den Autor besser einordnen zu können. Ich kann seine Recherchen viel mehr würdigen, habe Lust bekommen weitere Bücher von ihm zu lesen. Die Eigenwerbung Elsberg’s für sich während dieser Lesung ist also geglückt. ;)

Lesung_Marc_Elsberg_Gier_(Autogramm)

2 Kommentare

  1. Hallo Linda,
    vielen Dank, dass Du uns mitgenommen hast zu dieser interessanten Lesung von Marc Elsberg. Ich war schon zu Lesungen von ihm, in denen es einmal um „Blackout“ und einmal um „Gier“ ging. Beide Lesungen waren so informativ und Elsberg konnte mit so vielen Fakten aufwarten, dass man wirklich meinte, man hört einen Fachmann für dieses Spezialgebiet reden. Und beim nächsten Buch wieder, diesmal eben für ein anderes Fachgebiet. Marc Elsberg steckt so viel Energie und Zeit in seine Recherche und ich finde, man merkt es den Büchern auch an. Sie sind nicht nur spannend, sondern immer lehrreich, und es werden Dinge so anschaulich erklärt, dass man als Laie trotzdem alles versteht.

    Dass er nicht sich selbst sondern das Thema bei den Lesungen in den Mittelpunkt stellt, habe ich auch so empfunden. Und auch in seinen Büchern sind es nicht die dort vorkommenden Personen, sondern eben das Thema, das die Hauptrolle spielt.

    Mein Lieblingsbuch von Marc Elsberg ist und bleibt „Blackout“, aber auch die anderen Bücher kann ich empfehlen.
    LG Gabi

    • Linda Linda

      Liebe Gabi,

      vielen Dank für deinen tollen Kommentar. Ich freue mich immer riesig über Kommentare direkt auf dem Buchblog hier.

      Das hast du toll beschrieben. Ich kann dem nur zustimmen, auch wenn es mir selbst gar nicht so aufgefallen ist. Er stellt wirklich eher das Thema statt die Personen in seinen Büchern in den Mittelpunkt. Vermutlich ist es genau das, was seine Bücher so anders und speziell macht. Großartig!

      „Blackout“ habe ich noch nicht gelesen, nehme es mir aber jetzt definitiv vor. ;)

      Liebe Grüße
      Linda

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